Oschatzer Allgemeine - 2. November 2015

Fachkräftemangel: Oschatzer Firma Pfennig-Bau setzt auf Asylbewerber

Pfennig Bau setzt auf die Integration und Weiterbildung von Asylsyuchenden um den Fachkräftemangel zu begegnen. 38-jähriger Syrer seit Sommer im Unternehmen / Präsident der Handwerkskammer lobt engagement

Von Axel Kaminski

Oschatz. Zu den rund 30 Mitarbeitern, die in David Pfennigs Baufirma und dem dazu gehörenden Baustoffhandel arbeiten, gehört seit Juli dieses Jahres auch Adris Hasan. Der 38-jährige Syrer ist einer von rund 150 Asylbewerbern, die derzeit in der Stadt leben.

„Ich habe mich beim Landratsamt erkundigt, ob es unter den Flüchtlingen geeignete Mitarbeiter für mich gibt“, schildert David Pfennig, wie dieses Arbeitsverhältnis zu Stande gekommen ist. Es sei schwer, einheimische motivierte Fachkräfte zu finden. Zu einem ersten Gespräch mit dem Syrer habe er einen Dolmetscher hinzu geholt und erläutert, was ihm wichtig ist – zum Beispiel Pünktlichkeit. Seither laufe alles super. „Ein sonst eher zurückhaltender Facharbeiter, in dessen Team Adris Hassan arbeitet, hat mir geschildert, wie engagiert er bei der Sache ist“, berichtet David Pfennig.

Claus Gröhn, Präsident der Handwerkskammer zu Leipzig, und Nordsachsen Landrat Kai Emanuel (parteilos) besuchten den Oschatzer Baubetrieb, um sich David Pfennigs Erfahrungen schildern zu lassen und ihre Positionen darzustellen. Claus Gröhn, der dem Oschatzer für seinen Mut dankte, forderte von der Politik, dass für die Handwerker Marktanreize geschaffen werden, um Asylbewerber zu integrieren. Dem Präsidenten der Handwerkskammer zu Leipzig schwebt ein praktisches Berufsorientierungsjahr vor, das von Deutschunterricht ergänzt wird. Dabei sollen die Fähigkeiten und Neigungen der Asylbewerber erkannt werden. Daran könnte sich eine dreijährige Berufsausbildung anschließen. Dieser Vorschlag beruhe aus der Erfahrung mit den hier aufgenommenen spanischen Jugendlichen. Claus Gröhn möchte noch auf eine weitere Erfahrung zurückgreifen. Seiner Ansicht nach hatte sich die 100-prozentige Förderung von Umschülern im Handwerk, so wie sie in den 1990er Jahren praktiziert wurde, bewährt. Dass er sich damit vor allem auf 16 bis 18 Jahre alte Neuankömmlinge bezieht, die über keine Berufsausbildung verfügen, erläuterte er allerdings erst später.

David Pfennig betonte, dass er sich diese Förderung nicht so pauschal wünschen würde. Er wolle nicht in der Zeitung lesen, dass einer seiner Mitarbeiter komplett vom Arbeitsamt bezahlt werden würde. Er habe einen kleinen Zuschuss für Adris Hasan erhalten, aber er sehe es als Aufgabe der Wirtschaft, geeignete Asylbewerber sofort zu integrieren. „Wenn jeder Betrieb, der 15 bis 20 Leute beschäftigt, einen Flüchtling einstellt, dann kann die Integration über die Arbeit gelingen“, legte der Bauunternehmer seinen Standpunkt dar. „Mein Chef ist mein Bruder und Oschatz meine Stadt“, sagte Adris Hasan auf die Frage, wie er sich hier fühle. Der 38-Jährige betonte auch, dass er wieder gehen wolle, wenn in „Syrien alles gut“ sei. Der Jeside, der sich nach seiner Flucht aus Afrin zunächst eineinhalb Jahre in der Türkei aufgehalten hatte, lebt seit dem Herbst 2014 mit seiner Frau und den sechs und acht Jahre alten Söhnen in Oschatz.

Flüchtlinge sind eine Chance
Die vielen in den vergangenen Wochen in der Region angekommenen Flüchtlinge bieten für hiesige Unternehmen eine Chance. Seit fast zehn Jahren geht die Zahl der Erwerbslosen in der Region zurück, haben Unternehmen unter anderem auch Probleme, Lehrlinge zu finden. Jetzt bietet sich die Möglichkeit einer Problemlösung. David Pfennig hat einem Flüchtling aus Syrien die Chance geboten, auf eigenen wirtschaftlichen Beinen zu stehen und zieht jetzt nach einem Vierteljahr eine positive Bilanz. Mehr noch: Er nimmt andere Unternehmer in die Pflicht. Er hält es für die Aufgabe der Wirtschaft, bei der Integration mitzuwirken. Seiner Erfahrung nach zieht die berufliche Integration das Kennenlernen der Sprache und der hiesigen Gepflogenheiten nach sich und bringt sowohl für den Syrer als auch für seine Kollegen neue soziale Kontakte. Dabei muss sich die deutsche Bürokratie ändern. Man kann weder die Qualifizierung der hier Angekommenen jahrelang prüfen, noch deren Fluchtgründe. Solche Entscheidungen müssen schneller fallen, damit die Effekte, welche die derzeitige Flüchtlingsbewegung hat, auch auf den Arbeitsmarkt durchschlagen können.
Bildunterschrift:
Meister Alexander Luchs (vorn, rechts) zeigt Adris Hasan das Wickeln von Lehmstaken – eine von der Firma Pfennig-Bau im Denkmalschutz angewandte historische Bautechnik.

Bild: Dirk Hunger

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