SonntagsWochenBlatt - 8. November 2015

„Adris Hasan ist Syrer, Familienvater und Arbeitskollege“

Adris Hasan hat in Oschatz eine neue Heimat und bei Pfenng Bau eine neue Beschäftigung gefunden. Fa. Pfennig-Bau beschäftigt Oschatzer Asylbewerber

Oschatz. Adris Hasan kam im Herbst 2014 mit seiner Familie in Oschatz an. Der Syrer ist Vater von zwei kleinen Kindern. Als Angehörige der religiösen Minderheit der Jesiden flüchtete seine Familie aus Angst vor der Terrorgruppe Islamischer Staat, die Jesiden als „Ungläubige“ verfolgt, versklavt und ermordet. Seit Juli 2015 arbeitet Adris bei der Firma Pfennig-Bau in Oschatz. Der Geschäftsführer David Pfennig wagte das Experiment und nahm gemeinsam mit der Agentur für Arbeit und der Landkreisverwaltung die ersten Hürden, um eine Beschäftigung zu ermöglichen.

„Ein Grund ist der anhaltende Arbeitskräftemangel. Ein weiterer Grund war für mich die Frage, wie die Integration der asylsuchenden Menschen in Oschatz möglichst pragmatisch gelingen kann“, erklärt David Pfennig, Geschäftsführer der Firma Pfennig-Bau.

Ausschlaggebend für die Einstellung waren besondere Fertigkeiten in speziellen Putztechniken und beim Verarbeiten von Wärmedämmung, die der syrische Flüchtling nachweisen konnte. Neben der Tatsache, dass diese Fertigkeiten in das Angebotsspektrum der Firma Pfennig-Bau passten, gab es weitere Einstellungsgründe. „Adris war vom ersten Tag an hoch motiviert. Er sieht Arbeiten von allein, packt mit an und lernt unheimlich schnell“, erläutert David Pfennig. „Ich bin froh, diesen Schritt gewagt zu haben. Manchmal ist Hasan etwas übereifrig und wir müssen ihn bremsen und ihm beibringen, was es mit der deutschen Gründlichkeit auf sich hat“, schmunzelt der Unternehmer.

Was bringt die Arbeitsaufnahme unter dem Strich für das große Schlagwort der Integration?

Seit Herbst 2014 kümmert sich das Oschatzer Bündnis für Demokratie, Toleranz und Menschlichkeit um die Frage, wie die in Oschatz ankommenden Asylbewerber integriert werden können. David Pfennig ist Mitbegründer des Oschatzer Bündnisses. In puncto Arbeit sieht er die größten Chancen für die Vermittlung der deutschen Werte und einer gesellschaftlichen Integration. „Adris wurde dank meiner Mitarbeiter von Beginn an in das Team integriert. Er hat Kollegen, mit denen er sich austauscht, er verdient eigenes Geld, er möchte etwas zurückgeben, er lernt automatisch, wie das Leben in Deutschland funktioniert und ist dankbar für diese Chance“, zählt David Pfennig die Punkte auf, die eine erfolgreiche Integration ermöglichen.

Und noch ein Punkt ist von Bedeutung. Als Adris Hasan nach Deutschland kam, sprach er kaum ein Wort Deutsch. Durch den Austausch mit den Kollegen ist er in der Lage, sich mühelos auf Deutsch zu verständigen. Egal ob es darum geht, Arbeitsaufgaben zu verstehen und mit den Kollegen abzustimmen oder seinem Chef zu erklären, wie es seinem kranken Bruder geht und wo es bei den Kindern in der Schule klemmt, die Verständigung funktioniert.

„Ich bin der Überzeugung, dass unser bisheriges System, Menschen in Arbeit zu bringen angesichts der steigenden Asylbewerberzahlen nicht mehr funktioniert“, ist sich David Pfennig sicher. „Wir haben einen ausgewiesenen Arbeitskräftemangel. Um asylsuchende Menschen in Arbeit zu bringen, müssen neue Wege gegangen werden. Das fängt bei der Registrierung der Berufe und Fähigkeiten an, erstreckt sich auf ein bedarfsgerechtes Angebot an berufsbegleitenden Sprachkursen und endet in einer guten und effi zienten Vernetzung der verschiedenen Ämter und Institutionen“, so Pfennig. Außerdem hinterfragt er, warum Asylbewerber erst 15 Monate zum Nichtstun aufgrund der Gesetzeslage verdonnert sind und danach mit einem Male arbeiten dürfen. Was will man mit dieser Frist erreichen und was ist nach den 15 Monaten anders, gibt er zu bedenken.

Das Oschatzer Bündnis hat sich, unter vielen anderen Punkten, auch das Ziel gesetzt, die Integration durch Arbeit voranzubringen. Auch andere Unternehmen haben in den vergangen Monaten asylsuchende Menschen im Landkreis eingestellt. Arbeitgeber, welche Interesse haben, können sich mit ihren Fragen gerne an das Oschatzer Bündnis oder an David Pfennig wenden.

Die Firma Pfennig-Bau aus Oschatz hat ein Beispiel geschaffen, das zeigt, wie es gehen kann. Nun muss die Struktur angepasst werden und interessierten Arbeitgebern ein möglichst einfacher Weg zur Einstellung asylsuchender Menschen aufgezeigt werden.
Bildunterschrift:
Meister Alexander Luchs zeigt Adris Hasan historische Bautechniken (Wickeln von Lehmstaken sowie Auswerfen von Weidengeflecht mit Lehm) mit Lehm beim Ausfachen von Fachwerk.

Bild: privat

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